Schiedsrichter / Wieso, weshalb, warum? Wer nicht fragt…

von Frank Göbel

 

Ein verregneter und trister Freitag Abend begrüßt mich, als ich an der Eishalle Troisdorf aus meinem Auto steige. Ich schaue mir heute die Partie Troisdorf Dynamite gegen die Bergisch Raptors an. Wir befinden uns in der Landesliga NRW und heute Abend spielt der 1. (Troisdorf) gegen den Letzten und 6.

Es ist der vorletzte Spieltag, bevor die Play-Offs losgehen. Noch mal Mut und Selbstvertrauen gegen den abgeschlagenen Letzten tanken oder vielleicht doch die Überraschung für die Raptors? Das könnte vielleicht etwas den Tabellenstand lindern. Ein Auswärtssieg beim Spitzenreiter würde jedem Spieler und den Fans guttun.

Aber die Partie an sich ist heute nicht mein Fokus. Es geht um den Schiedsrichter. Chris Warnke, den ich schon des Öfteren vertrösten musste, hat heute Abend meine volle Aufmerksamkeit. Denn Chris ist Schiedsrichter. Und ich möchte ihm heute einmal über die Schulter schauen. 

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In unserer Redaktion genießt er den Status des Schiedsrichterobmanns und wird bei Leserfragen immer wieder gefragt, sobald es sich um das Regelwerk dreht.

Heute Abend wird im 2-Mann-Verfahren das Spiel geleitet. Das bedeutet 2 Schiedsrichter, die gleichberechtigt sind.

Auf die Frage, ob man auch mal Meinungsverschiedenheiten hat, verneint Chris. „Wenn der Kollege den Arm hebt, macht er das nicht ohne Grund. Zumal ich vermutlich am anderen Ende der Eisfläche bin. Da steh ich dann auch voll hinter meinem Kollegen.“

Denn mit 2 Leuten auf dem Eis, wird die Fläche geteilt. Links und rechts der blauen Linie wird dann das Spiel jeweils geleitet.

„Natürlich gibt es auch Verschiebungen. Da wird dem Spiel gefolgt und ich muss dann in die andere Hälfte.“ Nonverbale Kommunikation ist hier unabdingbar. Man muss den Partner da im Auge haben. Und natürlich auch das Spiel.

Es ist seltsam dieses Spiel heute Abend zu beobachten. Normalerweise schaut man dem Puck hinterher, dem Spiel oder bestimmten Spielern. Heute sind die Streifenhörnchen aber an der Reihe. Das Spiel stellte eigentlich keine großen Probleme dar, wird Chris nach der Partie zu Protokoll geben.

„Außer der erste Check. Der war zwar noch vertretbar, aber auch an der Grenze. Da muss man von der ersten Minute eine Linie zeigen. Das ist nicht einfach, aber ich versuche da immer die Kommunikation zu den Spielern zu finden.“

Nach einem Pfiff wird auch mal ein Witz gemacht und alle bringt das immer etwas runter. Auch wenn es mal hitzig wird. Gerade beim Goalie-Gewusel geht das ja immer schnell und die Gemüter kochen hoch.

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Heute muss Chris nur einmal dazwischen gehen. Aber das ist auch schnell vergessen.

„Ein wenig komplizierter ist es bei den Trainern. Da fehlt einfach die Akzeptanz. Wenn mich einer anraunzt, das sein Spieler ständig Opfer von Stockschlägen wird, weise ich darauf hin, das seine eigene Spieler auch gut zulangen. So etwas sehen die Coaches dann leider selten. Am Ende gleicht sich alles aus. Aber sobald natürlich einer wie ein wilder Holzfäller anfliegt, sitzt der. Mindestens 2 Minuten.“

Heute Abend wurde auch eine Strafe mit 2 + 2 + 2 ausgesprochen. Raunen geht durch den Fanblock und auch der Trainer versteht die Welt nicht mehr.

„Aber diese Regel gibt es. Es ist Auslegungssache des Unparteiischen. Nur weil man nur 2+10 oder so kennt, heißt das nicht, das es nicht auch 2+2+2 geben kann. Oftmals betreibe ich in den Unterbrechungen auch Regelkunde. Das mache ich gerne, denn wenn Coaches nicht weiterwissen, helfe ich doch. Wollen die zwar oft nicht hören, aber dann kann keiner sagen, ich hätte es nicht versucht.“, grinst Chris mich an.

Auch die Regeln beim Bully sind zwar komplex, aber sollten Teil jeder Regelkunde im Verein sein. „Wenn ich sehe, wie sich einige Spieler da reinhängen und mit dem Visier fast auf dem Eis liegen…bescheuert.“

Auch das Reindrehen des Spielers beim Einwurf hat Chris schon mal zu Boden gehen lassen. Wiederholung. Wieder dreht sich der Spieler rein. Chris:“ Machst du das nochmal, schicke ich dich mit einer Matchstrafe raus!“ Genug ist genug.

Es ist eigentlich ein Job wie der eines Erziehers. Man muss hinterherlaufen und für Ordnung sorgen. Manche „Kinder“ verstehen es beim ersten Mal, andere halt später.

 

Aber wie kommt man dazu, diese Position zu beziehen? Einen Trainer oder gar eine ganze Eishalle gegen sich zu haben. „Zum professionellen Spieler hätte es bei mir nie gereicht, aber ich wollte in diesem Sport bleiben.“ Und hier kann Chris Profi werden. Aber er zögert. „Ich bin jetzt 28. Mein Studium ist bald fertig und ich muss mich entscheiden. Beruf oder Sport.“ Zumal man nicht von jetzt auf gleich Profi-Schiedsrichter wird. Da gibt es noch ein paar Ligen, die man Pfeifen muss. “ Da braucht es auch einen verständnisvollen Arbeitgeber, der mich zu den Spielen, die 150 Kilometer entfernt stattfinden, fahren lässt.“

 

Die Solinger bieten hier heute wohl ihre beste Partie der Saison und ärgern den Favoriten in Troisdorf gewaltig. Am Ende gewinnt das Heimteam mit 6-4.

Das Spiel war spannend. So ganz konnte ich dann doch nicht die Augen von der eigentlichen Partie lassen. 

 

Aber Hut ab, vor den Schiedsrichtern, die versuchen alles zu überblicken. Und auch wir Fans, die manchmal schimpfen, weil ein Foul nicht gesehen wird, sollten da vielleicht etwas „Akzeptanz“ aufbringen. Wir alle sind Menschen, und am Ende ist es doch das, was diesen Sport ausmacht. Fairness. Nicht nur zwischen den Spielern oder wie so oft kolportiert, im Fanblock. Auch mal an unsere Streifenhörnchen denken.

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