Henrik Lundqvist: Der Weltklasse-Torhüter und seine verzwickte Situation bei den Rangers

von Timo Helfrich

 

Henrik Lundqvist ist schon ein ganz besonderer Spieler, der seines Gleichen sucht. Ich glaube es ist nicht wirklich vielen bekannt, dass der Schwede im Jahr 2000 erst in der siebten Runde an 205. Stelle gedraftet wurde.

Spieler, die soweit hinten im Draft gezogen werden, schaffen es in der Regel nicht oft mit Ihren überragenden Leistungen in die Geschichtsbücher. Auch sind diese meist keine Franchisespieler und führen schon gar nicht ihr Nationalteam im Alter von 23 Jahren zum Olympiasieg (2004 in Turin) und dreizehn Jahre später zum Weltmeistertitel (2017). Die Erinnerungen an das WM-Finale 2017 gegen Kanada dürften für viele noch sehr präsent sein. Mit spektakulären Paraden lies Lundqvist die Kanadier Verzweifeln und führte Schweden zu einem 2:1 nach Penaltyschießen. Hinzukommen noch zwei schwedische Meistertitel (2003 & 2005), 2x Vizeweltmeister (2003 & 2004) und 1 x die Silbermedaille bei Olympia in Sotschi 2014. Ach ja, 2012 erhielt er nebenbei noch die Vezina Trophy zum besten Torhüter der NHL-Saison verliehen.

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Ja, jeder der diese Zahlen liest würde nicht vermuten, dass es sich dabei um einen Torhüter handelt, dem 204 Spieler im Draft vorgezogen wurden.

Lundqvist geht in der Spielzeit 18/19 bereits in seine 14. Saison für die Rangers. Solche
Treue und Loyalität ist in der heutigen Zeit nicht mehr selbstverständlich.

In diesen 13 Spielzeiten konnte der Schwede mindestens 30 Siege pro Saison einfahren, mit zwei Ausnahmen. In der Lockout-Saison 12/13 waren es nur 24 Siege und in der vergangenen Saison verbuchte er nur deren 26 Erfolgserlebnisse.

Nachdem Lundqvist 2005 den Job als Startergoalie am Big Apple übernahm,
endete die sieben Jahre lang anhaltende Durststrecke der Blueshirts ohne Playoffs. Er führte das Team Jahr ein Jahr aus, mit zwei Ausnahmen in der Saison 09/10 und die verkorkste vergangene Saison 17/18, in die Postseason.
Die Rangers gehörten in diesem Zeitraum häufig zu den Anwärtern auf den Stanleycupsieg und verpassten diesen in der Spielzeit 2013-14 erst im Finale gegen die LA Kings.

Die aktuelle Situation Lundqvist’s ist leider nicht mehr so aussichtsreich. Er besitzt noch einen Vertrag über drei Jahre bis zum Ende der Saison 2020-21. Mit jährlich $ 8,5 Mio. liegt er auf Rang 2 der teuersten Torhüter hinter Carey Price ($ 10,5 Mio.).
Da sich das Team der Rangers jedoch bekanntermaßen seit letzter Saison im Umbruch befindet und Leistungsträger wie Derek Stepan, J.T. Miller, Rick Nash und Ryan McDonagh getradet hat, fragt man sich welche Rolle denn eigentlich der schwedische Ausnahmekönner in der Franchise spielen soll. Er belastet den Salary Cap mit seinem hohen Jahressalär erheblich. Die Chance mit seinen 36 Jahren nochmal ernsthaft um den Stanleycup zu spielen, ist vorerst in weite Ferne gerückt. Spätestens nach dem Weggang von Kapitän McDonagh zu Tampa Bay fragt man sich wie New York mit der aktuell verfügbaren Abwehr konkurrenzfähig sein will. Schon in der vergangenen Saison war der Abwärtstrend klar zu erkennen und Lundqvist wurde in vielen Situationen von seinen Vorderleuten im Stich gelassen. Mit 268 Gegentoren kassierten nur 3 Teams mehr Tore als die Rangers.
Nachdem Lundqvist‘s Backup Antti Raanta zu den Arizona Coyotes abwanderte, suchen die Rangers nach einem adäquaten Ersatz. Ein Kandidat dafür wäre der Bulgare Alexander Georgiev, welcher noch einen Entry-Level-Kontrakt im letzten Jahr besitzt und sich dementsprechend für eine neues Arbeitspapier beweisen muss. Der 22-jährige hatte bereits in der letzten Saison einige Einsätze erhalten und wusste durchaus zu überzeugen.
Die 1A-Lösung des Jobs als Backup lässt noch eine weitere Saison auf sich warten. Hierbei handelt es sich um den Russen Igor Shestyorkin, der noch ein weiters Jahr an St. Petersburg in der KHL gebunden ist. Er gilt als einer der talentiertesten Torhüter außerhalb Nordamerikas. Jedoch müsste auch er erstmal Zeit bekommen um sich in der Liga zurechtzufinden und behutsam auf die kommenden Aufgaben vorbereitet werden. Somit ist Shestyorkin durchaus zuzutrauen, dass er das Potential besitzt Lundqvist zukünftig zu beerben.

Ich möchte hier auch nochmal erwähnen, wie extrem wichtig es ist einen guten Backup im Team zu haben. Insbesondere für Lundqvist ist es unerlässlich die nötigen Erholungspausen zu bekommen. Mit 36 Jahren werden diese Erholungsphasen noch wichtiger, damit er weitestgehend von Verletzungen verschont bleibt und bei jedem Einsatz seine volle Leistung bringen kann. Ein guter Backup würde den Druck, Lundqvist zu viele Einsätze zuzumuten, erheblich reduzieren. Jede Entlastung bedeutet mehr Regeneration und erhöht somit die Leistungsfähigkeit.

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Einerseits ist Lundqvist als erfahrener Ausnahmetorhüter der beste Mentor für junge Spieler und deren Entwicklung. Andererseits hat er sicher insgeheim auch den Wunsch nochmal im Konzert der ganz großen mitzuspielen.
Zuzutrauen ist es dem Spieler mit der Rückennummer 30, dass er auch noch im Alter von 39 Jahren die Klasse besitzt und mit dem bis dahin hoffentlich wieder wettbewerbsfähigen Kader der Rangers nochmal den Run auf den Stanleycup in Angriff zu nehmen. Sollte der eingeschlagene Weg in New York des kompromisslosen Umbruchs planmäßig verlaufen, könnte eine baldige Playoffteilnahme durchaus wieder im Bereich des Möglichen sein. Wie wir wissen, erstmal in den Playoffs angekommen, ist im Eishockey alles möglich. Insbesondere dann, wenn man einen Ausnahmekönner im Tor stehen hat, der in der Endrunde bereits mehrmals über sich hinausgewachsen ist.
Sollte der Plan des Umbruchs allerdings nicht aufgehen, wären die drei verbleibenden Jahre seines Vertrags in New York verlorene Zeit.
Lundqvist muss sich gut überlegen, ob er einen Wechsel zu einem potentiellen Anwärter auf den Stanleycup in naher Zukunft vorzieht oder den riskanten Weg des Umbruchs bei den Rangers weiter begleitet. Interessenten gäbe es sicher genügend, die den Schweden gerne in ihren Reihen sehen würden. Aber wer kann sich die Rangers ohne Lundqvist vorstellen? Ich ehrlich gesagt nicht.

Einen Meilenstein wird der Schwede auf jeden Fall so oder so noch erreichen. Mit aktuell 431 Siegen rangiert Lundqvist auf dem 8. Platz der meisten Torhütersiege in der NHL. Da nur noch Roberto Luongo (471 Siege, aktuell 4. Platz) als einziger noch vor ihm platzierte aktive Torhüter ist, wird er in dieser Liste noch einige Plätze nach vorne rücken. Er wird bereits in der kommenden Saison u.a. die Legenden Terry Sawchuk (445 Siege) und Curtis Joseph (454 Siege) einholen. Auch der aktuell drittplatzierte Ed Belfour mit 484 Siegen sollte definitiv machbar sein. Somit wäre eine Platzierung auf dem 3. oder 4. Platz das Resultat am Ende seiner glanzvollen Karriere. Nur Martin Brodeur (691 Siege) und Patrick Roy (551 Siege) sind aller Voraussicht nach für ihn uneinholbar.
Hier möchte ich noch eine sehr bemerkenswerte Leistung des Schweden anbringen. Lundqvist ist als einziger Nicht-Kanadier unter den ersten 13 Plätzen in dieser Kategorie vertreten.

Ich glaube bei seiner Vita würde ihm jeder Eishockeyfan die Daumen drücken, damit er im Herbst seiner Karriere noch einmal die Chance erhält um diesen einen noch fehlenden Titel des Stanleycups zu fighten.

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