von Benjamin Dornow

Herne und Hannover – It’s a Long Way to the Top

Nach einer Episode über zwei Bayrische Traditionsvereine wird es nun Zeit für einen Wechsel der Szenerie. Namhafte Vereine mit spannenden Geschichten gibt es schließlich nicht nur im Süden der Republik, sondern auch im Westen. Düsseldorf und die Brehmstraße, Krefeld und die Sensationsmeisterschaft 2003, Köln und die sechs Titel in zwölf Jahren – oder auch Iserlohn und Trikotwerbung für den lybischen Diktator Gaddafi.

Natürlich ziehen auch hier die Titelträger und -jäger das Rampenlicht der Sportwelt an. Und genauso gibt es auch hier abseits der Alt- und Neumeister an vielen Standorten Vereine mit mindestens ebenso interessanten Vergangenheiten wie Gegenwarten.





Hannover-Stürmer Roman Pfennings arbeitet für die Indians vor dem Tor – Foto: Ralf Relle-Schmitt

Die Eishockeyvereine aus Herne und Hannover sind heute etablierte wie ambitionierte Institutionen in der Oberliga Nord. Die Wege, die die beiden bis hierhin gegangen sind, könnten dabei kaum unterschiedlicher sein.

Einiges haben sie jedoch auch gemeinsam. Ihre Geschichten handeln von Nachbarschaftskämpfen um sportliche Anerkennung und dem Traum, an kultigen wie zugigen Mythos-Spielstätten wieder zu alter Größe zurückzukehren. Kreuzen diese beiden Schwergewichte auf dem Eis die Schläger, wird es am Pferdeturm wie am Gysenberg sehr schnell sehr hitzig.

Der Kultverein vom Pferdeturm

Werden deutsche Eishockeyfans nach dem kultigsten Verein des Landes befragt, wird man eine Antwort wohl sehr schnell und sehr oft hören, nämlich die EC Hannover Indians.

Wenn der ECH im heimischen Eisstadion am Pferdeturm die Spielfläche betritt, herrscht immer wieder eine besondere Atmosphäre. Dabei ist es egal, ob die Indians derzeit in der DEL oder in der Regionalliga Nord spielen. Auch auswärts sorgen die Fans des ECH jedes Wochenende für gute Laune. Die Hannoveraner gelten als die reisefreudigsten Fans des Landes.

Dennoch waren es nicht die Indians, die den bislang einzigen deutschen Meistertitel der niedersächsischen Landeshauptstadt erringen konnte. Auch wenn der Kultstatus des ECH wohl für immer unerreichbar bleiben wird, setzte der häufig belächelte innerstädtische Rivale, die Hannover Scorpions, durch den Gewinn einer DEL-Meisterschaft ein eindrucksvolles sportliches Statement – Trophäen vergehen nicht.

Vom DEL-Gründungsmitglied zur zweiten Adresse

Dabei hatten die Indians einen Startvorteil. Zur DEL-Premierensaison 1994/95 war auch Hannover in der neuen Eliteliga vertreten, und zwar nicht durch den späteren deutschen Meister. Der Indians-Vorgänger EC in Hannover spielte als Gründungsmitglied zwei Jahre lang erstklassig, bis sich der Verein aus dem Oberhaus zurückziehen musste. Den freien Startplatz nahm ein Verein aus dem Hannoverschen Umland, der ESC Wedemark Scorpions, ein.

Im Jahr 1998 standen die Zeichen für den ECH finanziell bedingt auf Neuanfang. Der Verein meldete als Kleefelder EV mit vielen früheren DEL-Spielern aus EC-Zeiten in der Regionalliga Nord neu. Erst nach der Saison 2001/02 gelang eine dauerhafte Rückkehr in die Oberliga. Dafür war nicht nur eine perfekte Saison mit 45 Siegen in 45 Spielen, sondern auch das Überwinden einer ursprünglichen Aufstiegsverweigerung des DEB nötig.

Während es der ECH-Nachfolger also mit Ach und Krach in die dritte Liga schaffte, erarbeiteten sich die nun als Hannover Scorpions firmierenden Nachbarn mehr und mehr eine sportliche Vormachtstellung in der Region. In der letzten Saison von Top-Scorer Joe West erreichten die Scorpions erstmals das DEL-Halbfinale. Das größte Zeichen setzte der Verein jedoch abseits des Eises. Statt in der Vorstadt, im IceHouse Mellendorf, trugen die Scorpions ihre Heimspiele von jetzt an in der großen Messehalle in Hannover-Laatzen aus.

Der Kumpel vom Gysenberg

Der Herner EV brauchte nie einen erfolgreichen innerstädtischen Rivalen, um das Schicksal des kleinen Bruders kennenzulernen. Der Verein wurde in diese Rolle geradezu hineingeboren.

In Herne wurde nie erstklassiges Eishockey gespielt. Dafür war die Stadt im Herzen des Ruhrgebiets gerade so umzingelt von Erstligamannschaften. Die großen Nachbarn aus Köln, Düsseldorf, Krefeld, Iserlohn, ja selbst Duisburg, Essen, Ratingen und Oberhausen traten alle in der deutschen Eliteliga an. Einige konnten sogar Meistertitel erringen. Herne kämpfte sich währenddessen in der charmanten wie renovierungsbedürftigen Gysenberghalle durch die Niederungen des westdeutschen Regionalhockeys. Nicht einmal der Einstieg eines eishockeyaffinen Investors ermöglichte es dem HEV, zu seinen Nachbarn aufschließen zu können.




Handshake-Line in Grün-Rot-Weiß – Foto: Herner EV

Je höher der Fall, um so mühsamer der Rückweg

Während der EC in Hannover in vorderster Reihe an der Geburtsstunde der DEL beteiligt war, erlebte Herne die Neustrukturierung des Deutschen Eishockeys in der verbandsgeführten 1. Liga. Zur ersten Begegnung beider Vereine nach DEL-Gründung kam es es in der Saison 1996/97, als sowohl der HEV als auch der frisch aus der DEL ausgeschiedene Indians-Vorgänger EC Hannover Turtles in der Nordgruppe der 1. Liga spielten.

Im selben Jahr wie der ECH verabschiedete sich dann auch der HEV vorerst von der Bildfläche des höherklassigen Eishockeys. Es dauerte eine Weile, bis sich eine Herner Mannschaft wieder aus den Tiefen des Regionalhockeys herausarbeiten konnte.


Eishockey am Gysenberg im Retro-Look – Foto: Herner EV

In der Saison 2006/07 legten die Herner EG Blizzards eine rekordverdächtige Saison mit 44 Siegen am Stück hin, an deren Ende der Regionalliga NRW-Meistertitel stand. Auch der HEG wurde der Aufstieg zunächst verwehrt, und im Gegensatz zu Hannover konnte Herne den Verband nicht doch noch umstimmen. In der darauffolgenden Saison gewannen die Blizzards die Meisterschaft erneut und erfüllten diesmal alle wirtschaftlichen Voraussetzungen für den Aufstieg in die Oberliga. Gut zehn Jahre nach dem letzten Spiel des HEV in der 1. Liga Nord kehrte Herne pünktlich zur Saison 2008/09 zumindest in die dritthöchste deutsche Spielklasse zurück. Ein Gegner aus vergangenen Zeiten wartete dort bereits.

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Nächste Woche geht es mit Teil zwei weiter!

Vielen Dank fürs Lesen,

Benjamin